Mittwoch, 6. August 2014

Review: Persona 4 Golden (PSVita)




Dieses JRPG ist anders als alle anderen Vertreter des Genres, die ich je gespielt habe: Kein kleiner blonder Junge muss den Tod seiner Mutter rächen, keine gewieften Diebe und keine Ritter in schweren, glänzenden Rüstungen bereisen eine große, fantastische Welt, erleben Abenteuer, retten Prinzessinnen oder besiegen jenen bösen Drachen, der zuvor Städte und Dörfer gänzlich in Feuer gehüllt hat. Nein, Persona 4 Golden ist untypisch, gar sonderbar. Es spielt in einer Welt, welche der unseren ähnelt. Genauer gesagt, spielt es in Japan des Jahres 2011! Die Entscheidung für ein surreales, realitätsfernes Setting mag zunächst als äußerst unkonventionell und mutig erscheinen, wenn man sich an der strengen Dichotomie von langweiliger Realität und einer grenzenloser Fantasiewelt entlang hangelt. Doch tatsächlich hat Atlus mit dem mutigen Schritt, entgegen aller Konventionen ein realitätsnahes Grund-Setting zu erschaffen, den Weg in ein ungewöhnliches und exzentrisches Abenteuer eröffnet, welches ich in der Art noch nicht erfahren habe. Werfen wir  zunächst einen Blick auf die Story...


Mitternachts-TV 

Das Remake des PS2 Klassikers Shin Megami Tensei: Persona 4 war meine erste Berührung mit der JRPG-Reihe vom japanischen Publisher und Entwicklerstudio Atlus. Als ich das Spiel startete und die ersten Minuten mit ,,P4" erlebte, fühlte ich mich zunächst heimisch: Ein junger Mann, gerade 16 Jahre alt, zieht im Zuge eines Austauschjahres von der Großstadt in das ländliche Inaba, wo er für ein Jahr bei seinem Onkel Ryotaro Dojima und seiner sechsjährigen Cousine Nanako Dojima leben wird. In der örtlichen Yasogami Highschool wird er vom tollpatschigen Kumpeltyp Yosuke Hanamura, der schüchternen Yukiko Amagi und der toughen Chie Satonaka freundlich aufgenommen, sodass er sich in der Fremde schnell zu Hause fühlt. 

Doch dieser Held ist kein gewöhnlicher Junge und Inaba ist gewiss keine gewöhnliche Stadt! So müssen die Freunde feststellen, dass die urbane Legende des Midnight Channels wahr ist: Demnach ist an regnerischen Tagen bei Mitternacht eine Person im TV zu sehen; in diesem Falle ist es die Fernsehreporterin Mayumi Yamano, welche am nächsten Tag tot aufgefunden wurde ... und diese Person wird nicht die Letzte sein. Wäre das nicht genug, übermannen seltsame Träume unseren Neuankömmling: In einer Welt, die scheinbar parallel zur Realität existiert, bekommt er von mysteriösen, okkulten Figuren die Aufgabe zugeteilt, zusammen mit seinen Freunden und den sogenannten Personas, machtvollen Gestalten, die sich schützend als Manifestation der individuellen Persönlichkeit über den Träger erheben, innerhalb dieses einen Jahres die TV-Mordserie in der Kleinstadt Inaba aufzudecken.

Der TV im Einkaufscenter Junes ist die Tür zu einer anderen Welt

So beginnt eine recht unkonventionelle, durch und durch spannende Geschichte, in der kleine Peinlichkeiten des Alltags und ein übersinnliches, unerklärliches Kuriosum gleichermaßen von Bedeutung sind. Die Geschichte von Persona 4 umfasst nämlich zwei Welten, die Realität und eine parallel existierende Welt jenseits des Fernsehgeräts.



Zwischen Schule, Freizeit und Familie

Das alltägliche Leben in Inaba, nennen wir es das ,,Diesseits", spielt sich wie eine klassische Dating-Sim: Tag für Tag, entlang des Kalenders, besucht der Spieler die Yasogami High, beantwortet gewissenhaft die Fragen der Lehrer und schreibt sogar Prüfungen, für die er zu Hause (idealerweise) pflichtbewusst lernt. Nach dem Unterricht können Clubs besucht werden: Ist der Held ein virtuoser Musiker und besucht mehrmals in der Woche die Bandprobe oder ist er sportlich und spielt Basketball im schuleigenen Team?

So ein stressiger und vollgepackter Tag kann natürlich auch mit einem Essen oder einem Kinobesuch zusammen mit einem Freund genüsslich beendet werden. Durch all diese Aktivitäten verbessert der Spieler nicht nur grundlegende Kompetenzen, wie Courage, Knowledge oder Understanding, sondern den Bezug zu seinen Mitmenschen. Erstere Fähigkeiten bestimmen wie und wann bestimmte Aktivitäten ausgeübt werden, doch allerwichtigstes Element in Persona 4 Golden sind die sozialen Beziehungen zu Freunden, Mitschülern und Familienmitgliedern. Je weiter der Spieler die sogenannten Social Ranks ausbaut, desto mehr Vorteile eröffnen sich ihm im Kampf. Hat man beispielsweise eine gute Beziehung zu Yosuke, wird sein Persona neue mächtigere Angriffe erlernen. Zudem ermöglichen hohe Social Ranks, mächtigere Personas durch Fusion mit anderen Wesen heranzuzüchten, die zuvor nach dem Ende eines Kampfes erworben wurden.

Ihr merkt schon, Persona 4 Golden bietet vielerlei komplexe Möglichkeiten, um euch aus dem eigenen Alltag zu reißen. All diese Dinge haben mich anfangs überfordert. Ich musste mich regelrecht hineinkämpfen in diese Komplexität. Zehn Stunden hat es gedauert, bis ich der Welt von Persona 4 Golden endlich verfallen war, zumal ich mich an die stellenweise langatmigen Dialogsequenzen gewöhnen musste. Doch die Länge dieser Eingewöhnungszeit trägt größere Früchte, als ich es anfänglich vermutete. Dieses Spiel ist keine leichte Kost für Zwischendurch. Es erfordert Zeit, Geduld und Aufmerksamkeit. Doch wer diese Tugenden mit sich bringt, wird gewiss um eine neuartige Spielerfahrung reicher.



Zwischen Nebel, Mord und Metaphysik

Zwischen all dem Schul- und Freizeitstress darf die Aufgabe, die dem Helden zu Beginn des Spiels zugetragen wurde, natürlich nicht vergessen werden. Es gilt schließlich, eine Mordserie aufzuklären! Ist eine Person im Midnight Channel zu sehen, liegt es am Spieler, diese so schnell wie möglich zu retten. Befindet sich die verschwundene Person immer noch in der Parallelwelt, wenn ein geheimnisvoller Nebel nach einigen Tagen des Regens in der Stadt einfällt, stirbt diese. Die Konsequenz? Das Spiel endet abrupt. Nun ist es die Kunst, Alltag, Freunde, Freizeit und die Rettung des Opfers unter diesem Zeitlimit unter einen Hut zu bekommen. Doch die Sorge vor Stress ist unangebracht. Zwar sollte auf eine sorgfältige Planung nicht verzichtet werden, jedoch habe ich es in meinem Spieldurchlauf geschafft, trotz des Zeitdrucks alles zu erledigen, was es zu erledigen galt.


Bei der Rettungsmission begibt sich der Spieler in die obskure Parallelwelt jenseits des TVs. Je nach Opfer, werden ein anderes Dungeon und damit andere Monster darauf warten, erforscht und erledigt zu werden. Dabei hat jedes Dungeon ein spezielles Thema: So schlägt sich der Spieler beispielsweise (immer stufenweise) durch eine Sauna, durch einen ... ach nein, hier möchte ich gar nicht so viel vorweggreifen. Lasst euch einfach überraschen, denn so manches Dungeon-Design wirft die gängigen Prinzipien eines Rollenspiels einfach über Bord und den Spieler zeitgleich aus den Socken. So kam es, dass mich einige Level vor Scham erröten ließen, oder mir einfach ein Schmunzeln auf die Lippen zauberten.


Kampf

Das rundenbasierte Kampfsystem unterscheidet sich vom herkömmlichen Modell der Marke JRPG. Denn es wird nur die Hauptfigur selbst gesteuert. Der Rest der Partie agiert ganz von selbst ( kann aber durch Taktikbefehle, wie Support oder Full Assault beeinflusst werden). Neben der Möglichkeit mit Waffen physischen Schaden zu auszuteilen, wird mit der Hilfe des Personas Magie in ganz klassischer Form angewendet: So kann der Gegner (Schatten) mit typischer Elementar-Magie, wie beispielsweise Feuer und Eis, angegriffen und obendrein vergiftet, gelähmt oder zum Schweigen gebracht werden. Selbige Magie kann natürlich auch den Spieler schaden, also Obacht! Denn an taktischer Finesse darf in Persona 4 Golden nicht gespart werden, sie ist sogar ein essentielles Gut: So gilt es, die Schwäche des Gegners möglichst schnell in Erfahrung zu bringen.

Während der eine Schatten bei einem Elektrozauber klein nachgibt, kippt der andere nur bei einem physischen Angriff aus den Latschen. Und dies ist ruhig wörtlich zu verstehen: Wird der Gegner an seiner Schwachstelle getroffen, bekommt der Spieler nicht nur einen Zug mehr zugerechnet, sondern es besteht auch die Möglichkeit, einen besonders verheerenden Angriff mit allen Mitgliedern der Partie durchzuführen. Auch das Schwäche-System basiert natürlich auf Gegenseitigkeit. Wer das jeweilige Gruppenmitglied nicht hinreichend mit einem Accessiore vor seiner charakteristischen Schwäche schützt, kann sehr schnell sehr alt aussehen.

Dieses Kampfsystem hat jedoch eine Schwäche: Die künstliche Intelligenz der Gefährten. Diese handeln, wenn auch selten, kontraproduktiv. Durch gewisse Aussetzer der k.I. besteht ein kleines aber feines Potenzial für Frustmomente. Hier ein Beispiel: Ein Gegner hat augenscheinlich in seinem Zug einen Reflek-Zauber auf sich selbst angewendet. Dieser wird jedoch in der anschließenden Runde von Mitstreiterin Chie mit einem starken Eis-Zauber attakiert, welcher natürlich reflektiert wird und somit nicht etwa den Genger trifft, sondern Chie selbst. Diese und ähnliche Ereignisse veranlassen es, den hübschen Bildschirm der PSVita lauthals mit dem ein oder anderen Speicheltropfen zu versehen. Besonders nach einem Bosskampf müssen ersichtliche Spuren des Jähzorns weggewischt werden. 


Noch unerwähnt blieb der knackige Schwierigkeitsgrad des RPGs: Auf normalen Schwierigkeitsgrad sind die Endbosse eines jeden Dungeons eine echte Herausforderung und erfordern meist stundenlanges Grinding. Dies habe ich jedoch keineswegs als lästig empfunden. Schuld daran trägt vor allem die treibende Musik. So kam es, dass ich bei einigen Spiel-Sessions bis zu zwei Stunden mit der Vita in einer Sitzposition verharrte, weil ich ganz im Flow die gesamte Umwelt (und Schmerzen im Gesäßbereich) wegblendete.


Fazit

Persona 4 Golden ist abgedreht, bizarr und irgendwie schrullig. Dieses Spiel ist ein stilistisches Meisterwerk, ein Rundumschlag japanischer Popkultur, der so manchen Bewohner der westlichen Hemisphäre, der sich nicht als gestandenen Otaku betitelt, sicherlich voll auf die Zwölf trifft und ihn verdeppert dreinschauen lässt. Doch Atlus hat alles richtig gemacht: Sie haben eine neuartige Spielwelt erschaffen, die dieses JRPG zwischen seinen Konkurrenten schillernd und blitzend hervorstechen lässt. Die Symbiose aus dem wohlbekannten Alltag eines (japanischen) Schülers, allen Sorgen, die dieser Alltag beherbergt und einer punkigen, grotesken Parallelwelt macht Persona 4 Golden besonders und einzigartig. Dieses Spiel ist so absurd und so irrwitzig, wird aber GENAU dadurch zu dem JRPG, welches ich in meiner Klassikverdrossenheit bei der üblichen Kost alá Tales of ... oder Bravely Default zuletzt vermisst habe. Dass ich diese Andersartigkeit, welche Persona 4 schmückt, bei anderen Genre-Vertretern vermisst habe, ist fast ein bisschen gelogen. Warum? Weil ich das, was ich hier geboten bekam, nie und nimmer erwartet hatte. Und das soll nun auch das letzte Argument sein, welches für diesen Exot unter den ohnehin schon exotischen JRPGs spricht.



...

Moment, was ist eigentlich der Unterschied zwischen der PS2- Version aus dem Jahre 2009 und dem PSVita-Re-Release aus dem Jahre 2013?
Die Frage mag für diejenigen, die Persona 4 auf der Playstation 2 verpasst haben weniger relevant sein, jedoch gibt es unzählige nennenswerte Änderungen, Verbesserungen und Additionen, die es wert sind, erwähnt zu werden:
  • Mit Shichiri Beach und Okarina City stehen dem Spieler 2 völlig neue Orte zur Verfügung sowie die damit verbundene Freizeitaktivitäten Kinobesuch und Angeln
  • Mit Halloween und dem Ski-Trip im Februar sind zwei neue Story-Events spielbar
  • Der Spieler kann nun, wenn Onkel und Hausherr Dojima nicht anwesend ist, einige Teile Inabas bei Nacht erkunden
  • Chie und Teddie haben zwei neue englische Synchronstimmen (btw: Kanji wird von keinem geringeren als Troy Baker gesprochen, der schon unzähligen Videospielhelden wie Joel aus The Last of us oder Snow aus Final Fantasy XIII seine Stimme verlieh)
  • Neben ,,Leicht" und ,,Normal" gibt es mit ,,Sehr Leicht", ,,Schwer" sowie ,,Sehr Schwer" weitere Schwierigkeitsgrade, die im NG+ verfügbar sind
  • Es wurde neue Musiktracks und weitere Personas für die Sammlung (der Lateiner sagt übrigens Personae) hinzugefügt 
  • sowie animierte Cutscenes im hübschen Anime-Stil
(natürlich gibt es neben diesen Änderungen noch viele weitere)





Kommentare:

  1. Welch ein Zufall :)
    Genau dieser Titel kam heute per Post bei mir an, ich bin gespannt ob es es sich für mich gelohnt hat!
    Ich wusste überhaupt nicht, das es davon eine PS2 Version gibt (jetzt weiß ich es dank dir!).
    Dein Bericht klingt jedenfalls überzeugend, weswegen meine Laune etwas gesteigert sein wird, wenn ich zum Spielen komme! :)

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  2. Die PS2-Version fliegt hier bei mir herum, aber ich habe nie die Zeit gefunden, Persona 4 bis zum Ende zu spielen.
    Vor allem wusste ich damals nicht genau vorauf ich mich eingelassen hatte, konnte dann aber den Kontroller nimmer aus der Hand legen. Leider war mein Urlaub, dann auch irgendwann rum. Aber zumindest durch den Anime hab ich zumindest die Mainstory mitbekommen.

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