Freitag, 11. Juli 2014

Review: Tearaway

 

Dass Media Molecule ein Händchen für Formen, Farben und Bastelmaterialien hat, hat der Entwickler aus dem Vereinigtem Königreich mit der großen kleinen Welt und ihren Bewohnern, den Sackboys und -girls, bewiesen.
Nach dem Erfolg von Little Big Planet haben sie sich die Entwickler erneut in ihre Werkstadt zurückgezogen, getüftelt, geschmiedet und schließlich ein weiteres innovatives, vor Charm triefendes Videospielwerk erzeugt. Haben Media Molecule mit Tearaway, dem exklusiven Jump 'n' Run für die Playstation Vita, sich selbst übertroffen und vielleicht sogar ihr Opus Magnum geschaffen?


 

 

Relikte der Vergangenheit


Aber bevor wir uns dieser Frage stellen, muss erst noch eine andere aufgeworfen werden: Schreiben wir heute eigentlich noch Briefe? Nein, nicht die elektronische Variante, bei der unsere Finger taktvoll und mühelos auf ein Feld voller Tasten einprasseln. Ich meine so richtige Briefe mitsamt Arbeitsprozess, der mit dieser besonderen und beinahe ausgestorbenen gesellschaftlichen Konvention einher geht: Das beginnt mit dem Gedankenmachen: ,,Welche Beziehung habe ich zum Empfänger und welche Worte können diese Beziehung authentisch widerspiegeln? Welche Postkartenmotive oder welches Briefpapier entspricht den Interessen und Präferenzen dieser Person?"
Dann folgt das Betreten des Schreibwarengeschäfts, welches mit einem aufdringlichen Gong und der Parfum-Fahne einer mäßig begeisterten, aber aufgedonnerten Kassiererin mehr oder weniger euphorisch bejubelt wird. Die sieht nämlich nicht viele Menschen in den Anfängen ihres zwanzigsten Lebensjahres, scheinbar auf der Suche nach etwas Haptischem, nach einer echten Arbeitsanforderung an das Fingerspitzengefühl. Wer, außer Eltern, Schulkinder, Digitalverdrossene und Genossen aus vergreisten Generationen, kauft heute noch Postkarten, Stift, Marke und Briefpapier? Wir, die sogenannten Virtual Residents, verschicken unsere Geburtsagsgrüße, Hochzeitsglückwünsche und andere Nettigkeiten mit zwei Klicks über die Datenautobahn an den Empfänger, der das empfangene Gemenge aus Nullen und Einsen allerhöchstens mit einem Kopfnicken zur Kenntnis nimmt und es anschließend ebenso mit solch einem Klick direkt ins Daten-Nirwana weiterleitet.

Kurzum: Es geht nicht nur darum, eine Nachricht zu übermitteln. Es geht um den ganzen Vermittlungsvorgang, bei dem wir uns Gedanken machen und bei dem wir unseren Kopf benutzen, um Erinnerungen zu durchsuchen oder verheißungsvoll zukünftige Momente zusammenzureimen. Es geht darum, Hand und Fuß zu benutzen, auf die Straße zu gehen, mit Menschen zu kommunizieren und dabei den Brief, ach nein, die Brut unseres Kopfes und unseres Herzens vor jeglichen Umweltgefahren und allen Wetterlagen zu schützen, um sie letztendlich sicher zu überliefern. Und das ist nicht nur eine Großtat im modernen Alltag, sondern auch in Media Molecule's Tearaway.

 

 

Schere, Klebstoff, Papier


Papierfetzen mit der Hilfe eines dicken Klebestifts aneinanderklumpen oder feine Konturen mit einer stumpfen Kinder-Schere fummelig ausschneiden - basteln war, zugegeben, noch nie meine Lieblingsbeschäftigung. Und das, was Media Molecule da geschaffen hat, wirft mich direkt wieder zurück in den mehr oder minder geliebten Werk- und Kunstunterricht aus vergangenen Grundschultagen. Nicht nur das, plötzlich erinnere ich mich an mein freiwilliges soziales Jahr im Kindergarten, bei dem ich Schultüten, Laternen und Schneeflocken fertigen musste (wobei mehr Kleber auf Händen und Kleidung landete als auf dem eigentlichen Zielobjekt); Ich erinnere mich an die zahlreichen Mal- und Bastelsendungen im Kinderfernsehen, deren Grad der Perfektion ich mit meinen damaligen Fähigkeiten niemals hätte erreichen können.
Media Molecule hat eine kunterbunte Welt aus Papier geschaffen, die zunächst eher trübselige Assoziationen weckt.  Jedoch kann ich nun behaupten, nachdem ich den Abspann von Tearaway sah, verstaubte Bastel -und Papierverdrossenheiten endlich beseitigt zu haben!



 

Reise zum Ich


Mit atoi, dem weiblichen Pendant zu iota, begebe ich mich in jene Welt aus Papier, in der Grashalme und Origami-artige Blumen auf den Boden geklebt sind, rascheln und knistern. Bäume, Häuser, die Wellen des Meeres und Gebirge erinnern an die Kulisse eines Theaterstücks, nur dass sie nicht statisch ist. Alles bewegt sich, alles erscheint lebendig. Hier soll meine kleine Schnippselkumpanin einen Brief überbringen: Sie soll Hand und Fuß benutzen, über Abgründe springen und über spiegelglatte Bahnen rollen. Sie soll mit Eichhörnchen, Elchen und anderen Bewohnern der Papierwelt kommunizieren. Sie soll erinnerungswürdige Momente ihrer Reise mit der Kamera festhalten, Konfetti einsammeln, Gegenstände designen, basteln, schneiden und kleben. Sie soll Freunde fürs Leben finden und Feinden standhalten. Denn diese Reise ist beschwerlich: Heimtükische, herzlose Schnipsel bedrohen die Harmonie und den Gleichklang der Papierwelt. Die kleine atoi allein ist zu schwach, um dem Frevel Einhalt zu gebieten. Zum Glück kann sie auf einen echten Partner an ihrer Seite zählen...


Was ist das Ziel dieser Reise? Wer ist der Empfänger dieses Briefes? Für wen nimmt die arme atoi so viele Gefahren auf sich? Diese Frage klärt sich gleich zu Beginn, indem die frontale Kamera der PS-Vita ihre Linse auf mich richtet. Oder besser: Auf dich, den potenziellen Spieler dieses kleinen Abenteuers. Denn DU bist das Ziel. Du bist ,,das Wesen", dessen Gesicht gottartig über die Welt und klein atoi wacht. Dieses Spiel bricht die vierte Wand und die Botin ist nicht etwa eine Spielfigur, deren Rolle du kurzzeitig übernimmst. Nein, DU kooperierst mit deinem Avatar, kämpfst mit ihm zusammen gegen die Schnipsel und führst ihr über alle Abgründe und Gefahren hinweg zu DIR, zu deinem Gesicht dort oben im Himmel. Denn du bist nicht blos Zuschauer des Geschehens, nein. Du bist ein Teil von Tearaway.


Ein Sinn für Technik


Seit dem Kauf der PS Vita bin ich in den Genuss verschiedenster Titel wie Gravity Rush, Soul Sacrifice, Persona 4 Golden oder Uncharted: Golden Abyss gekommen. All diese Spiele haben eines gemeinsam: Sie zeigen nur marginal, welch Wunder der Technik der Sony-Handheld eigentlich ist. Mehr noch, dass man die PS Vita überhaupt als solches Wunder der Technik bezeichnen kann, das hat mir allein Tearaway gezeigt! Zwar weiß ein Uncharted: Golden Abyss die zwei Touchpads der Konsole durchaus zu nutzen, übertreibt aber mit den Wiederholungen der (wohlgemerkt) immer gleichen Wischtechnik. Media Molecules Jump 'n' Run hingegen ist ein Spiel, welches die technischen Möglichkeiten der Vita klug und ausgewogen einsetzt:




Mit dem vorderen Touchpad wird unter anderem gebastelt: So erteilte mir beispielsweise ein verzweifeltes Eichhörnchen den Auftrag, seine verlorene Krone wiederzubeschaffen. Was macht der flexible Pappheimwerker also? Er designt und baut sie auf der Stelle selbst und zwar, indem er die Umrisse der gewünschten Krone mit dem Finger auf dem Touchpad zeichnet und diese anschließend mit der virtuellen Bastelschere ausschneidet. Das geschaffene Werk kann natürlich auf dem Kopf des Eichhörnchens betrachtet und bei Bedarf erneuert werden.
Dicke Schnurrbärte, Grüne Schneeflocken, Elchpelz in der Farbe meiner Bettwäsche - durch diese und andere kleine Nebenaufgaben füllt sich die Papierwelt Tearaway's nach und nach mit Formen und Farben, welche die individuelle Handschrift des Spielers tragen.

Auch die Frontkamera und das hintere Touchpad der Vita kommen auf ihre Kosten und werden  pfiffig eingesetzt. So werde ich beispielsweise im Spielverlauf aufgefordert, ein Foto meines Antlitz' zu knipsen, welches anschließend überall und in jede Ecke der Spielewelt aufgehangen wird. Wiedersehen macht Freude ...

Dem hinteren Touchpad kommt bei Tearaway eine ganz besondere Rolle zu: Hier kann ,,das Wesen" seine Allmacht demonstrieren, in dem es mit dem Finger IN die Spielwelt einbricht! So können beispielsweise Hindernisse oder feindliche Schnipsel schnell aus dem Weg geräumt werden, um des Boten Reise wesentlich zu vereinfachen. ,,Das Wesen" beschützt seinen Avatar und leitet ihn zu sich selbst. Mit dieser Mechanik bekommt der oben erwähnte Ausdruck ,,die vierte Wand brechen" nochmals eine ganz eigene Bedeutung.


Und doch gibt es einiges auszusetzen: Die Kameraführung ist oftmals wild und willkürlich, sodass die kleine Schnipselkumpanin atoi hinter den Kulissen gerne mal auf Abwegen gerät oder direkten Weges in den Abgrund hopst. Auch das Basteln und Designen auf dem Touchpad funktioniert nicht so gut, wie mit echtem Stift und Papier, da die dicke Fingerkuppe für feinfühliges Linienzeichnen eher ungeeignet ist. Zudem hätte ich mir mehr Entscheidungsfreiheit beim Nutzen dieses Features gewünscht: Wäre es nicht toll, jegliche Bestandteile, Bäume, Blumen, Felsen und Bewohner, jederzeit verändern zu können? Stattdessen lassen sich nur bestimmte Dinge verändern, wenn die jeweilige Nebenaufgabe angegangen wird.


 

Ein Meisterwerk?


Noch nie wurde ich so entzückt. Noch nie wurde ich so berührt. Noch nie wurde ich mit so einer Zufriedenheit nach dem Abspann zurückgelassen. Dieses Spiel ist ein Meisterwerk, aber kein Opus Magnum. Nein, Tearaway ist eine kleine philosophische Urlaubslektüre. Es will gar nicht riesengroß sein und gewiss will es kein Aufstand machen und in allerhöchste Höhen hinausschießen. Dieses Spiel gehört dir, dem Spieler, allein. Du bist ein Teil von ihm. Nimm es im Winter mit unter die Bettdecke oder setz dich vor dem Kamin; Nimm es im Sommer mit in den Liegestuhl oder setz dich unter einen Baum. Lass dich in völliger Ruhe zurückfallen und genieße den Moment, wenn Tearaway seine Nachricht aus tiefsten Herzen an dich übermittelt hat.

 

 

3 Kommentare:

  1. wauw ich liebe dein blog..

    p.s. du hast nun ein follower mehr !!!

    würde mich über dein feedback freuen.... und über nette leser

    mfg

    versuch908.blogspot.de

    AntwortenLöschen
  2. Das Spiel hat mich bereits vom Trailer gepackt!
    Und das passiert mittlerweile wirklich selten...
    Was mir besonders zusagt, ist unter anderem der außergewöhnliche Look, ebenso die scheinbar sinnvolle Spielerei mit dem Touchscreen.
    Womöglich könnte das Spiel einen Platz in meiner Sammlung finden!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Also wenn man eine PS Vita besitzt, dann kommt man an Tearaway nicht drumherum, gerade weil die Technik der Konsole so geschickt ausgenutzt wird. Lohnt sich ;)

      Löschen